27.10.22 Der Dämon und die Schwangere

27.10. Der Dämon und die Schwangere

Wir spielten Dämon des Waldes. In diesem Erzählrollenspiel wird in verschiedenen Akten, den Verfall einer religiösen Familie im Neuengland der Siedlerzeit erzählt. Dabei gibt es einen Dämon im Wald, der einzelne Spielercharakter korrumpiert. Am Anfang der Sitzung zieht jeder Person eine Karte auf der steht ob man schuldig oder unschuldig ist und dazu gibt es eine Spielanweisung. 1-2 Leute von fünf können schuldig sein.
Gespielt wird wieder in selbsterschaffenen Szenen wie bei Seth, nur dass man immer dieselbe Figur spielt. Wichtig ist noch, dass die Figuren vorgegeben sind. Es gibt einen Cast aus 7 Familienmitgliedern Vater, Mutter, drei Kinder, Tante und deren Sohn.
 
Sarah, die schwangere Mutter
prinzipientreu, streng, vergebend + schuldig (alle wurden vorgegeben)
Ich spielte die schwangere Mutter und zog am Anfang die Schuldkarte mit dem Auftrag: Du versuchst die Familie in einem Ritual zu opfern.
Schon vor der Runde war mir klar, dass eine Schwangere spielen nicht ohne sein würde und vor allem nicht in diesem düsteren Setting, aber das genau war der Reiz. Ich musste aber im Vorfeld unbedingt klären, ob jemand Probleme mit Komplikationen bei einer Schwangerschaft hat, weil ich nicht ausschließen konnte, dass dies vorkommt. Wir klärten das also ab und niemand hatte ein Problem damit.
Dass sich dann noch die Schuldkarte zog, machte die ganze Rolle sehr schwierig. Ich wollte eigentlich die strenge, aber liebende Mutter spielen, hatte aber zugleich diesen fürchterlichen Auftrag und musste ihr daher einen Twist verpassen.
 Der Reiz bei schuldigen Charakteren ist nämlich, sie so zu spielen, dass die anderen bis zum Ende nichts sicher sind, ob man schuldig ist, man muss aber gleichzeitig Dinge im Spiel machen, welche die eigene Agenda vorbereiten.
 
Sarah war daher schon mütterlich liebevoll, aber nur gegenüber ihrem Sohn Jester, dem sie alles durchgehen ließ, weil er ein wenig einfach gestrickt war. Gegenüber ihrer ältesten Tochter Rebecca und ihrem Neffen Mark hingegen war sie streng und unnachgiebig.  Sie meckerte viel an dem Mädchen herum, um hatte hohe Anforderungen an ihre Arbeitsleistung. So entstand eine sehr interessante Mutter-Tochterthematik, die ich so noch nie gespielt habe.  Die Schwierigkeit war hier nicht zu eindimensional zu spielen und nur auf dem Mädchen herumzuhacken. Sarah empfand auch in ihrer Schuldhaftigkeit durchaus noch Liebe für das Kind, aber sie verachtete das Mädchen aus einem anderen Grund. Was die anderen nicht wussten war, dass Sarah vermutete, dass ihre Schwester Patience mit Sarahs Mann Elias geschlafen hatte. Dafür gab es keine Beweise, aber sie war sicher. Deshalb hasste sie die Schwester, die vor Spielbeginn aber schon im Kindbett gestorben war. Dieser Hass übertrug sich auf die eigene Tochter, welche die Tante geliebt hatte und der sie auch ähnlich sah.
 Sarah war also in einem Spannungsverhältnis aus neidischer Abneigung der Jungen heranwachsenden Frau und mütterlicher Liebe zur Tochter.
 Die meisten Szenen mit Rebecca waren daher herrisch und passiv aggressiv, aber eine Szene war dennoch positiv. Da ging es um Sarahs Babybauch und es gab eine sehr vertrauliche Szene zwischen den zwei Frauen, die für mich das Highlight der schon hervorragenden Runde war.
Die Liebe für das ungeborene Kind und die Schwesternschaft in der Weiblichkeit zur Tochter, war etwas, das sie so noch nie empfunden habe. Es änderte aber nichts am Ergebnis. Am Ende siegte der Dämon in ihr und sie manipulierte die ganze Familie so, dass diese sich gegenseitig umbrachten. Sie selbst rührte dabei kaum einen Finger, sondern tat es durch Lug und Trug und böse Worte. 
 Interessant war auch das Verhältnis zum kleinen, minderbemittelten Sohn, den sie liebte, den sie aber durchaus bereit war zu opfern für das neue Kind.  Ohne die Schuldkarte hätte ich das so nicht gespielt, weil das nicht so ganz Sinn macht. Aber das ist eine Spielmechanik und da muss man dann die Spiellogik etwas anpassen. 
Die letzte Szene des Spiels ist ein Dialog zwischen dem Dämon (gespielt von einer ausgewählten Person) und den schuldigen, überlebenden Figuren. In dieser Szene macht der Dämon den Schuldigen ein Angebot. In unserem Fall bot er Sarah an, so mächtig zu werden wie sie, wenn sie ihm dafür das neugeborene Kind geben würde. Auf den ersten Blick scheint der Deal klar. Sie hat schon ihre ganze Familie für den Packt umgebracht, warum nicht auch das Kind weggeben. Aber: ich hatte mir den Sündenfall Sarahs von Anfang an so erklärt, dass sie schon mehrere Fehlgeburten hatte, außerdem war ihre kleine Tochter auf der Reise in den Wald verunglückt. Das hatte in ihr einen Knacks verursacht und sie teilweise wahnsinnig werden lassen. Sie fürchtete, das Kind im Bauch zu verlieren. Der Dämon hatte ihr angeboten, die Sicherheit des Kindes gewährleistet, wenn stattdessen ihre Familie geopfert würde. Der ganze Gedankenstrang macht wenig Sinn, aber die Figur ist traumatisiert und nicht rational. Aus ihrer Sicht also hat sie all diese Verbrechen begangen, um ihr neugeborenes Kind zu schützen. Natürlich konnte sie es jetzt nicht weggeben und lehnte daher den Deal ab. Macht war ihr nicht so wichtig, ihr eigenes neues Kind für sich allein zu haben und frei vom Mann, der sie aus ihrer Sicht gekränkt hatte, zu sein war ihr wichtiger.
 
So, zum Thema Crossgender: Also erst mal: Die Figur hätte nicht männlich gespielt werden können (außer in einem Scify- oder Fantasysetting) weil sie auf biologische Gegebenheit wie Schwangerschaft angewiesen ist. Auch gesellschaftliche Normen und Vorstellungen vom Frausein aus vergangenen Jahrhunderten sind hier bedeutsam und machen für mich das crossgendern der Figur notwendig. 
Daher ist die Frage, wie ich die Figur hier männlich gespielt hätte, fast hinfällig.  Ich sage fast, weil es, wie gesagt, Settings gibt, wo es dann doch ginge und das würde wieder ganz neue Fragen aufwerfen.
Im Kern ist dies aus meiner Sicht aber eine der weiblichsten Rollen, die ich mir denken kann, weil sie eines der Kernthemen der Weiblichkeit, nämlich Schwangerschaft, weibliche Sexualität und die Beziehung zu Kindern thematisiert.
Das heißt nicht, dass sich Frau sein über Schwangerschaft definiert, sondern nur, dass ich Schwangerschaft und Mutterschaft stark mit Weiblichkeit assoziiere und es als etwa empfinde, dass mir als Mann nicht möglich ist und dass mir vielleicht auch fehlt.
Sich rollenspielerisch mit dem Thema auseinanderzusetzen, ist dann besonders spannend für mich. Ich habe die Liebe zum Kind im Bauch gespürt und einen starken Beschützerinstinkt entwickelt. Das Ganze wurde dann durch die Schulkarte absurd und das fand ich für mein persönliches Muttererlebnis etwas schade, weil es dadurch nicht so glaubwürdig war, aber das ist ja meine Sache, da kann das Setting nichts für.
 Die komplizierte Beziehung zur Tochter fand ich auch super spannend und es ist doch interessant, dass ich das sofort empfunden habe. Mit dem Sohn kam ich super klar, die junge Frau aber ging mir auf die Nerven. Das ist jetzt eine Rollenanlage und nicht zu verallgemeinern, aber ich ziehe diese Vorstellung natürlich aus Stereotypen und Erzählungen, in denen dieses Muttertochterverhältnis oft dargestellt ist. Es wäre im Folgenden mal interessant, eine funktionale Muttertochterbeziehung zu spielen.
 
Fazit: Eine solche Rolle ist für mich ein Extremerlebnis, weil ich mich an wirklich nichts aus meiner Erfahrungswelt klammern kann. Das macht es anfällig für Klischees, aber auch besonders spannend und neu. Ich ziehe hier für mich heraus: Man sollte keine Angst vor den Klischees und Übertreibungen haben. Im Gegenteil, sie zu bespielen zeigt einem sehr viel über sich selbst. Was ist meine Vorstellung von Mutterschaft, wie glaube ich, dass sich Schwangerschaft anfühlt? Wirklich sehr spannend und nicht das letzte Mal, dass ich so eine Figur probiere.
 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert